Stand April 2026 · Als PDF herunterladen

Stellungnahme der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft zum G-BA-Beschluss und zum aktuellen Cochrane-Review zu Amyloid-Antikörpern

Die Österreichische Alzheimer Gesellschaft nimmt den aktuellen Beschluss des deutschen Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sowie den jüngst veröffentlichten Cochrane- Review zu Amyloid-Antikörpern mit großer Sorge zur Kenntnis.

Der G-BA kommt in seiner Bewertung zu dem Schluss, dass für die Wirkstoffe Lecanemab und Donanemab kein belegter Zusatznutzen gegenüber der bisherigen Standardtherapie vorliege. Diese Einschätzung beruht maßgeblich auf methodischen Annahmen, die aus unserer Sicht nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Verständnis der Alzheimer-Erkrankung entsprechen.

Insbesondere die Trennung von Patient:innen mit milder kognitiver Beeinträchtigung (MCI) und früher Alzheimer-Demenz ignoriert, dass es sich hierbei um ein Kontinuum der frühen Alzheimer-Erkrankung handelt. Moderne biomarkerbasierte Konzepte überwinden diese historisch gewachsene, rein symptomorientierte Einteilung.

Wir betonen, dass die Bewertung des G-BA nicht die grundsätzliche Wirksamkeit oder das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Therapie infrage stellt, sondern sich ausschließlich auf den Zusatznutzen im Vergleich zum deutschen Versorgungskontext bezieht.

Gleichwohl besteht die reale Gefahr, dass diese Entscheidung den Zugang zu innovativen Therapien einschränkt und damit Patient:innen wichtige Behandlungsoptionen vorenthält. Darüber hinaus sendet sie ein problematisches Signal für die klinische Forschung, da die Generierung dringend benötigter Real-World-Daten erschwert werden könnte.

Kritik am aktuellen Cochrane-Review

Ebenso kritisch sehen wir den aktuellen Cochrane-Review, der zu dem pauschalen Schluss kommt, Amyloid-Antikörper wiesen insgesamt keinen klinisch relevanten Nutzen auf.

Obwohl Cochrane-Analysen üblicherweise als Goldstandard evidenzbasierter Medizin gelten, weist dieser Review aus unserer Sicht erhebliche methodische Schwächen auf.

Es werden zugelassene, wirksame Substanzen wie Donanemab und Lecanemab gemeinsam mit Wirkstoffen analysiert, die in der Entwicklung gescheitert sind. Eine solche Vermischung heterogener Studienpopulationen und Wirkstoffgenerationen führt zwangsläufig zu verzerrten Ergebnissen und wird der raschen Weiterentwicklung in den Neurowissenschaften nicht gerecht.

Besonders problematisch ist die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, den Amyloid-basierten Therapieansatz grundsätzlich infrage zu stellen. Diese Einschätzung ist nach unserer Auffassung durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt und verkennt die dynamische Entwicklung der Alzheimer-Forschung.

Fortschritte in vielen anderen Bereichen der Medizin zeigen, dass therapeutische Durchbrüche oft erst durch iterative Weiterentwicklung initial begrenzt wirksamer Ansätze möglich werden.

Risiken für Versorgung und Forschung

Die mediale und gesundheitspolitische Rezeption dieser Ergebnisse birgt zudem das Risiko, dass Kostenträger die Erstattung zugelassener Therapien restriktiver handhaben.

Dies würde nicht nur die Versorgungssituation verschlechtern, sondern auch zu erheblicher Verunsicherung bei Patient:innen und Angehörigen führen.

Aus Sicht der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft stehen wir am Beginn einer neuen Phase in der Alzheimer-Therapie. Amyloid-Antikörper wie Donanemab und Lecanemab sind erste wichtige Schritte, die – auch wenn ihre Effekte derzeit noch moderat sind – betroffenen Menschen wertvolle zusätzliche Zeit ermöglichen können.

Es ist daher entscheidend, diesen Therapieansatz weiterzuentwickeln und nicht vorschnell zu verwerfen.

Wir plädieren für eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Bewertung neuer Therapien, die sowohl den aktuellen Stand der Forschung als auch die Bedürfnisse der Patient:innen berücksichtigt.

Der Zugang zu innovativen Behandlungsoptionen darf nicht durch methodisch fragwürdige Analysen oder inadäquate Bewertungsmaßstäbe gefährdet werden.

Quellen